Das verlassene RAW in Halle - Blick in eine Werkhalle

Unweit des halleschen Hauptbahnhofs befindet sich ein weitläufiges Fabrikgelände. Es ist das Reichsbahnausbesserungswerk „Ernst Thälmann“. Viele Jahrzehnte wurden hier Loks aller Art repariert und gewartet. Nun nicht mehr. Seit einem Vierteljahrhundert ist das Areal eine Industriebrache. Unter Urbexern aber gilt das verlassene RAW in Halle mit den riesigen Werkhallen und den zahlreichen Nebengebäuden als ein spannender Lost Place.

Der Zug ist abgefahren

Mit uns in die Zukunft. Das steht auf einem großen Kalender. Der klebt an einer Bürowand. Weiß muss die wohl mal gewesen ist. Zumindest zu der Zeit, als der Terminplaner für das Jahr 1997 angepinnt wurde. Das Tragische daran: Die ihn aufhängten, konnten 1997 keinen Blick mehr auf das Kalendarium werfen. Denn dieses vollmundige Zukunftsversprechen war da längst Makulatur. Für das Reichsbahnausbesserungswerk „Ernst Thälmann“ in Halle – kurz RAW – gab es keine Zukunft. Und damit auch nicht für die gut 2.000 Beschäftigten. Zumindest nicht in diesem Traditionsbetrieb. Denn das RAW schloss 1996 für immer seine Eisentore. Aus dem bedeutsamen Großbetrieb auf einer Fläche von gut 30.000 Quadratmetern wurde mit einem Schlag das verlassene RAW in Halle. Infolge dessen wurde auch so mancher Arbeitshelm an den Nagel gehängt. Wie bei der Visite durch die Werkhallen noch zu sehen sein wird.

Schlupfloch ins Labyrinth

Eine angelehnte Eisentür am südlichen Ende des Gebäude-Kolosses erweist sich als passables Schlupfloch. Der Weg führt durch eine schmale Halle mitten in das Herzstück des Betriebes. Das verlassene RAW in Halle ist ein Labyrinth aus verschieden großen Werkhallen. Zehn sollen es sein. Manche so groß wie ein Fußballfeld. Was sie miteinander verbindet, sind die in die Betonböden eingelassenen Schienenstränge. Auf denen fuhren einst die Loks der Deutschen Reichsbahn an die Instandsetzungspunkte in den Hallen. Ein ausgeklügeltes System, wie sich während des Rundgangs durch das verlassene RAW in Halle erahnen lässt.

Anfangs fällt die Orientierung in den Reparaturhallen schwer. Zu groß sind die Distanzen. Die Augen irren im Schummerlicht umher. Versuchen zu ergründen, ob sich in den schattigen Winkeln irgendwelche Gestalten verstecken. Doch niemand ist zu sehen. Und zu hören gibt es auch nichts. Selbst die eigenen Schritte verursachen kein Geräusch. Weil der schmierige, mit Altöl getränkte Boden die Laufgeräusche einsaugt. Die Grabesstille ist fast mit Händen zu greifen. Allmählich gewöhnen sich die Augen an die großen Entfernungen und registrieren immer mehr Details. Entdecken bemerkenswerte Dinge in den ansonsten leergeräumten Hallen.

Taubenflattern in der Stille

Ausgeschlachtete Verteilerkästen hängen an den Wänden. Drähte hängen oder liegen überall. Und Eisenteile. Rohrschlangen winden sich durch das gesamte Objekt. Wie Soldaten exakt ausgerichtete Eisenträger-Konstruktionen schwingen sich allerorten in die Höhe. Sie ziehen die Blicke nach oben. Hinauf zu den maroden Dächern. Die bestehen mancherorts aus Glas. Wahrscheinlich, um viel Tageslicht reinzulassen. Jetzt sind etliche Scheiben kaputt. Und schmutzig sowieso. Tauben finden durch die Löcher Zugang. Ihr gelegentliches Flattern durch die Hallen erschreckt mich anfangs in der Totenstille.

Grüne Teppiche sprießen überall

Die Vögel waren es sicherlich, die im letzten Vierteljahrhundert so manches Samenkorn in das verlassene RAW in Halle mitbrachten. Aus denen ist an vielen Stellen ein grüner Teppich gesprossen, der die Böden bedeckt. Auch Sträucher wachsen mancherorts, die Wurzeln in den bröckligen Betonboden gekrallt. Für Bewässerung von oben ist gesorgt. Die Natur erobert sich ihr Terrain zurück. Niemand stört sie dabei. Auch die Sprayer nicht, die sich ab und an hierher verirren und ihre Phantasien an die Wände sprühen. Einige der Hobbymaler hatten offensichtlich Höhenflüge. Die Scheiben seitlich vom Dach sind bunt besprüht. Das hat irgendwas von Disko.

Das verlassene RAW in Halle - Doppelpfeiler tragen die Dachkonstruktion

Nah an den Eisenrössern

Erbaut wurde das Ausbesserungswerk in Halle übrigens von der Königlich-Preußischen Staatseisenbahn. So etwa um das Jahr 1910 herum. Damals – und das galt sicherlich bis in die 60er Jahre hinein – war es der Traum vieler Jungs, Lokführer zu werden. Wenn das auch in vielen Fällen nicht geklappt haben mag, so gab es doch eine Chance, den Eisenrössern ganz nah zu kommen. Nämlich wenn man einen Beruf als Schlosser, Dreher, Elektriker oder Schweißer erlernte. Dann war man in den Ausbesserungswerken richtig, wo Dampf- und später den Diesel- sowie Elektroloks auf die Instandsetzung warteten.

Das RAW in Halle war eines von 12 solcher Instandsetzungsstützpunkte der Deutschen Reichsbahn auf DDR-Territorium. Heute sind es bundesweit 13. Der hallesche Großbetrieb blieb letztendlich auf der Strecke. Nach der Schließung des Standorts in der Saalestadt wurden die meisten Maschinen abtransportiert. Geblieben ist nur wenig. Alte Krananlagen an der Decke beispielsweise. Oder eine betagte Drehbank sowie ein Schmiedehammer. Stühle liegen auf dem Boden. Sie recken ihre Beine dem Betrachter kämpferisch entgegen. Jemand hat seine gelbe Brotbüchse auf einem Schaltpult liegen lassen. Und warum steckt eine Glühbirne im verdreckten Waschbecken?

Akten auf eine Schnur gefädelt

Da kommt nun auch besagter Arbeitshelm in den Blick. Am Nagel hängt er zwar nicht, wie eingangs erwähnt. Dafür aber an einem eingerosteten Ventil. Diese Stillleben faszinieren und regen die Phantasie an. So möchte ich gern wissen, warum jemand in einem der Bürogebäude sämtliche Akten auf einen Strick gefädelt und im Treppenhaus aufgehängt hat. Ein Stockwerk höher hob ein Übermütiger eine blaugepolsterte Tür aus den Angeln. An die rote Tür hat er sich wohl nicht rangetraut? Das war garantiert der Eingang zur Betriebsparteileitung.

Im Kellergeschoss eines kleinen Produktionsgebäudes hängen noch die Duschköpfe an der grünen Fliesenwand. Das Tageslicht hat es schwer, sich von draußen durch das Fenster aus bunten Glasbausteinen zu schieben. Nebenan stehen alle Toilettentüren weit offen. So, als hätte wie in einer Disko jemand nachgeschaut, dass nach Veranstaltungsende niemand mehr in den Kabinen hockt. Das verlassene RAW in Halle bietet viele Fotomotive.

Das verlassene RAW in Halle - Blick durch ein Zahnrad

Öfen warten auf Nahrung

Interessantes gibt es auch im betriebseigenen Heizkraftwerk zu sehen. Das liegt gegenüber den Ausbesserungshallen und den Bürogebäuden. Hier ist eigentlich noch die meiste Technik samt Zubehör auf kleinstem Raum versammelt. Die stark verrosteten Ofentüren stehen weit offen. Als wären sie hungrig auf neue Nahrung. Während ringsum alles marode und vermüllt ist, wirken die blauen Dampfkessel direkt dienstbereit.

Das verlassene RAW in Halle - rostige Kessel und Maschinenteile liegen und stehen überall rum

Überall rankt Knöterich

Das fotogene Reiterstellwerk Hp5 im südlichen Vorfeld des RAW ist Geschichte. Es wurde 2017 abgerissen. Wochen zuvor hatte man den 85 Meter hohen Schornstein nahe dem Firmeneingang gesprengt. Nun stehen nur noch die maroden Hallen. Sie sind dem Verfall preisgegeben. An manchen Gebäuden rankt dachhoch der Knöterich. Das verlassene RAW in Halle ist in den Dornröschenschlaf gefallen. Und wartet auf eine sinnvolle Nachnutzung. Hoffentlich vergehen nicht wie bei der schönen Königstochter erst 100 Jahre bis zum Erwachen.

Das verlassene RAW in Halle - marode Werkhalle

Vielleicht interessiert dich auch mein Besuch im Schloss Vitzenburg. Es ist wie das RAW in Halle ein bemerkenswerter Lost Place in Sachsen-Anhalt. Von Vandalismus verschont geblieben und mit orientalischem Flair ist das seit Jahren geschlossene Stadtbad in Leipzig. Rundgänge im mehr als einem Jahrhundert alten Objekt können gebucht werden. Touren zu verlassenen Objekten kannst du auch in Görlitz buchen.