Verlassene Orte in Goerlitz - ein Rundgang für Fotografen

Eine mehrstündige Tour durch verlassene Orte in Görlitz führt die Teilnehmer in ein leer stehendes Stadthaus und in ein ehemaliges Kondensatorenwerk. Auch die Tür eines längst geschlossenen Hallenbades wird für die Neugierigen aufgesperrt. Interessant ist ebenfalls ein Blick in ein marodes Hotel. Das empfängt schon lange keine Gästen mehr.

Tour mit Fisheye

Das kann ja heiter werden! Vorzeitig bin ich zum Treff gekommen. Während ich hier, vor der Stadtinformation Görlitz, warte, gesellen sich immer mehr zur Gruppe. Fast 20 Teilnehmer zähle ich. Die meisten haben richtig fette Kameras dabei. Manche tragen Stative. Eigentlich dachte ich, es sei nur ein Rundgang durch verlassene Orte in Görlitz. Garniert mit ein paar Informationen. Und der Möglichkeit, das eine oder andere Foto zu machen. Doch nun scheint eine Fototour draus zu werden. Dann stecke ich mal vorsichtshalber das Fisheye an. Eine gute Wahl, wie sich herausstellen wird.

Einsamer weißer Ofen

Der erste Lost Place, den wir ansteuern, liegt unweit unseres Treffs. Aufgesperrt wird für uns ein mehrstöckiges Wohnhaus mitten in der Stadt. Es steht leer. Bis auf ein paar Stühle in Schmutzigbraun gibt es keine Möbel hier drin. Manche Zimmer haben schöne Stuckdecken. Überall wurden großflächige Poster an die Wände geklebt. Wahrscheinlich, um etwas Farbe in die Tristesse zu bringen.

Zweifellos ein Highlight ist der schlanke weiße Kachelofen. Der hat in seinen besseren Tagen wahrscheinlich mal ein Wohnzimmer beheizt. Jetzt steht er einsam an einer schmalen Wand. Interessant anzuschauen ist das Treppenhaus mit der eigenwilligen Treppe. Das finden außer mir auch andere Tour-Teilnehmer. Flugs haben sie ihre Stative in Stellung gebracht. Durchkommen unmöglich. Da ist Warten angesagt, um selbst Fotos machen zu können. So nutze ich die Zeit, um mir den Lichthof anzusehen. Der steht grad nicht im Fokus der fotografierenden Urbexer.

Verlassenen Orte in Goerlitz findet man auch in der City

Eingeschlagene Scheiben

Ein paar Minuten sind zu laufen, dann erreichen wir den nächsten vergessenen Ort der Neiße-Stadt. Wir sammeln uns vor einer Industrieruine in der Uferstraße. Ein Schriftzug weist sie als einstigen VEB Kondensatorenwerk Görlitz aus. Drei Geschosse hat der Bau. Fast alle Scheiben sind eingeschlagen. Im Parterre wurden die Fenster vergittert. Das soll unbefugte Besucher abhalten. Wir aber sind willkommen. Unserer Gruppe wird das eiserne Firmentor aufgeschlossen.

Es gibt eine kurze Einführung. Wir erfahren, dass in diesem Objekt direkt an der Neiße vor dem II. Weltkrieg eine Kofferfabrik ihr Domizil hatte. Später auch ein Dampfkesselbau und eine Diamantschleiferei. Ab 1952 war das Gebäude dann die Produktionsstätte des VEB Kondensatorenwerk Görlitz. Gefertigt wurden hier Kondensatoren für Rundfunk- und Fernsehgeräte. Zu Hoch-Zeiten waren hier und in drei angegliederten Werken mal mehr als 1.000 Mitarbeiter beschäftigt. Sie produzierten für den inländischen Bedarf sowie für den Export. Bis der Markt für die Görlitzer einbrach. Seit 1992 dreht sich nun kein Rad mehr.

Fassaden in der Neiße

Mit diesem kurzen Geschichtsabriss im Ohr verteilen wir uns im Objekt. Das hat viele Räumlichkeiten. Was von Vorteil ist. So kann jeder ungestört auf Motivisuche gehen. Vom Erdgeschoss bis zum regennassen Dach. Hinweise, was hier mal produziert wurde, entdecke ich nicht. Maschinen und Mobiliar sind sämtlichst abtransportiert. Bröckelndes Mauerwerk, beschädigte Treppen, nackte Fußböden – der Zahn der Zeit hat mächtig am Gebäude genagt. Bei der Zerstörung halfen ungebetene Besucher. Türen sind eingetreten. Wände und Fliesenspiegel wurden beschmiert. Dafür entschädigt der Blick aus dem Fenster der Produktionswerkstatt. Ich kann direkt auf die Neiße schauen. In ihrem Wasser spiegeln sich die sanierten Wohnhäuser vom anderen Ufer.

Verlassene Orte in Goerlitz - die Fassade des Kondensatorenwerkes

Schrille Farbigkeit

Nur ein paar Schritte laufen wir über die Straße. Schon stehen wir vor dem nächsten Objekt aus der Rubrik verlassene Orte in Görlitz. Die abgesperrte Tür tut sich für uns wieder auf. Wir betreten die einstige alte Spinnerei. Die hat eine wechselvolle Geschichte zu erzählen. Zuletzt war sie das Domizil des VEB Kraftfahrzeugsinstandsetzungswerk Dresden – Betriebsstelle Druckluftbremse. Bis 1989. Dann gingen auch hier die Lichter aus. Und gleich wieder an. Bis 2002 mietete sich nämlich die Galerie Exergon hier ein. Die grellen Anstriche an Wänden, Regalen und Treppen zeugen von ihrem Wirken.

Die schrille Farbigkeit kann mich nur kurzfristig von den Zeichen des Verfalls ablenken. Schnell ist Marodes auszumachen. Jeder sucht sich seine Motive. In der überschaubaren Halle mit ihrem Einbau. In den Nebenräumen. Auf dieser kunterbunt gestrichenen Toilette.

Verlassene Orte in Goerlitz - Blick in eine Werkhalle
Verlassene Orte in Goerlitz - bunt gestrichene Toilette in einer verlassenen Firma

Bad ohne Wasser

Verlassene Orte in Görlitz gibt es noch mehr zu besichtigen. Einen der wohl interessantesten Lost Place der Stadt steuern wir nun an. Es ist das Freisebad an der Dr.-Kahlbaum-Allee. Entstanden ist es zu einer Zeit, als die Schwimmbäder noch Badeanstalten hießen. Und vor allem der Körperhygiene dienten. Wir erfahren: Die 1887 vom Magdeburger Sanitätsrat Walter Freise gegründete Kaltwasserheilanstalt war mal das größte Bad der Stadt. Hier konnten die Görlitzer schwimmen, duschen oder sich Wannen-, Dampf- oder Heißluftbäder gönnen. Massagen gehörten ebenfalls zum Angebot. Bis sich 1996 die Pforten endgültig schlossen. Und das Wasser abgestellt wurde.

Bögen bringen Schwung

Die beiden wasserlosen Schwimmbecken sind noch zu besichtigen. Die Umkleidekabinen und Wannen ebenfalls. Auch das Kassenhäuschen am Eingang, an dem wir jetzt vorbei laufen. Das große Schwimmbecken im Parterre ist so spannend nicht, finde ich. Doch der benachbarte Raum mit dem kleineren Becken in der Mitte ist schon eine Augenweide. Ein blaues Geländer grenzt den Badebereich ein. Ringsum bringen Bögen und Gewölbe Schwung in den länglichen Raum. Dass das Becken nur 10X15 Meter misst, hat einen Grund. Schwimmen sollte hier niemand. Stattdessen war es den Besuchern des Dampfbades vorbehalten. Die konnten in den Pausen im warmen Wasser entspannen.

Zwischen den Bögen sucht sich jeder die beste Position. Mancher Blick geht auch in die Umkleidekabinen. Später weckt die Tür mit der Aufschrift „Dampfbad“ in der Runde das fotografische Interesse. Auch die beiden Bullaugen, die sich zum Rauminnern öffnen lassen, werden gern abgelichtet.

Verlassene Orte in Goerlitz - viele Bögen im Freisebad

Nobelherberge am Bahnhof

Nach einem Abstecher in die marode Stadthalle grüßt uns nahe dem Bahnhof der nächste verlassene Ort in Görlitz. Er liegt an der Ecke Berliner Straße/Bahnhofstraße und ist ein ziemlich großes Gebäude. Über dem Eingang steht „Hotel“ und darunter „Haus des Handwerks“. Wir stehen vor dem Mitte des 19. Jahrhunderts erbauten Hotel Vier Jahreszeiten. Einst eine gute Adresse für Reisende mit gehobenen Ansprüchen.

Glanzvolle Zeiten vorbei

In den Goldenen Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts bekam es entsprechend des Zeitgeschmacks ein Lifting. Doch die glanzvollen Zeiten der Nobelherberge sind lange vorbei. Wie wir gleich nach dem Betreten feststellen. Hier checkt niemand mehr ein. Seit vielen Jahren steht das Haus leer. Der Putz bröckelt allerorten. Lampengerippe hängen von der terrakottafarbenen Stuckdecke im Speisesaal. Dort haben auch die weißen Gipsgirlanden ihre Haftung verloren. Sie bröseln vor sich hin. Der Schmutz ist allgegenwärtig. Durch ungeputzte Fensterscheiben quält sich Tageslicht. Ohne nennenswerten Erfolg. So wirkt in den leeren Zimmern und den Sälen alles grau und alt und marode. Selbst den rotgemusterten Tapeten fehlt die Leuchtkraft. Nur unsere im Eingangsbereich aufgestellten Regenschirme sorgen für einen Farbtupfer.

Vier nackte Damen

Die Lobby reißt dann aber alles raus. Zwar bedeckt der Staub vieler Jahre alles. Und an einigen Stellen entdecke ich Müll. Doch da ist so ein Leuchten im Raum. Das kommt von den wunderschönen Keramikarbeiten in warmem Gelb und Akzente setzendem Violett. An den Säulen im Art Deco-Stil strahlt dieser attraktive Schmuck. Ebenso als Umrahmung der Rezeption sowie an den Türen und am Kamin. Die dominante Feuerstelle war einstmals zusätzlich geschmückt mit den zwölf Sternzeichen, gefertigt als Keramikfliesen. Allerdings haben nur vier die Zeiten überdauert. Bröckelputz und roter Backstein haben was von blutigen Wunden.

Warmes Plätzchen

Ins Auge fallen mir an prominenter Stelle im Raum auch vier mehr oder minder nackte Damen. Sie sind ebenfalls aus Keramik gefertigt und in Deckennähe angebracht. Die spärlich Bekleideten sollten nicht nur ein Blickfang sein, sondern vielmehr die vier Jahreszeiten verkörpern. Das tun sie denn auch in reizvollen Posen. Um das Wohl der scheinbar schlafenden Keramik-Schönen, die den Winter darstellt, muss dem Gast nicht bange gewesen sein. Sie hat ein warmes Plätzchen überm Kamin bezogen. Auch inmitten von Gerümpel und Zerfall haben die vier Damen nichts von ihrer Wirkung verloren. Im Gegenteil. Die Allegorien fungieren für uns als tolle Fotomodelle.

Verlassene Orte in Goerlitz - die Rezeption im Hotel "Vier Jahreszeiten"

Besuch im Stöcker-Kaufhaus

Vier Stunden dauert unsere spannende Tour durch verlassene Orte in Görlitz. Jetzt ist mir nach Hinsetzen. Was kein Wunder ist. Denn ein paar Stunden vor dem Rundgang hatte ich schon einen Termin. Zusammen mit fünf anderen Urbexern konnte ich mir das schönste Kaufhaus der Neiße-Stadt anschauen. Streng genommen ist es ein Lost Place, weil es noch nicht saniert wurde. Aber die Aussichten stehen gut.

Punkt 10 Uhr wurde für uns das sogenannte Stöcker-Kaufhaus aufgeschlossen. Dann durfte jeder für sich das phantastische Jugendstilhaus besichtigen und Fotos machen. Wenn es dich interessiert, wie es da drin aussieht, dann schau mal hier.

Wenn du verlassene Orte in Görlitz besuchen möchtest, kannst du bei der Görlitz Information Auskunft über Termine bekommen.

Verlassene Orte in Goerlitz - das Stöcker-Kaufhaus wartet auf seine Sanierung

Es zeugt von einstiger Pracht – das Stadtbad in Leipzig. Während einer Fototour konnte ich den tollen Lost Place kennenlernen. Hier ein paar Bilder.

Interessant war auch ein Blick in die verlassene Sternburg-Brauerei in Lützschena bei Leipzig.

Seit Jahren im Dornröschenschlaf, das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk in Halle/Saale.

Als Schlösser-Fan war ich begeistert vom Schloss Vitzenburg. Es befindet sich in der Nähe von Querfurt, Sachsen-Anhalt.