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Spiegelsaal im Schloss Köthen

Blick in den prächtigen Spiegelsaal im Schloss Köthen

Was für ein architektonisches Kleinod, dieser Spiegelsaal im Schloss Köthen! Nach einjähriger Bauzeit wurde er vor rund 200 Jahren mit einem rauschenden Hofball eingeweiht. Doch mit den Jahren nagte der Zahn der Zeit gewaltig am barocken Juwel. Nach aufwändiger Sanierung in der Neuzeit strahlt er heute wieder im alten Glanz. Und bezaubert die Besucher, die in die Kreisstadt im sachsen-anhaltischen Landkreis Anhalt-Bitterfeld kommen.

Präsent zum Geburtstag

Meine Güte! Was haben manche Frauen doch für ein Glück. Ich könnte glatt neidisch werden. Neidisch auf diese Julie von Anhalt-Köthen. Da hat sich ihr Angetrauter Herzog Friedrich Ferdinand wirklich mächtig ins Zeug gelegt. Und weder Kosten noch Mühen gescheut, um seiner Liebsten anlässlich ihres 30. Geburtstages ein supertolles Präsent zu machen. Ich bin sicher, das wird ganz nach dem Geschmack der Herzogin gewesen sein. Denn welche Frau schaut nicht gern in den Spiegel? Zumal, wenn man den Ruf hat, die schönste Frau des Preußischen Hofes gewesen zu sein. So wie Herzogin Julie. Zu ihrer Zeit. Da liegt es auf der Hand, dass die vielgepriesene Schönheit Spiegel als Geschenk bekommt. Allerdings nicht nur einen, versteht sich. Als Herzog ist man schließlich nicht knausrig. Sondern gleich 720, alle verbaut im prächtigen Spiegelsaal im Schloss Köthen.

Ein Jahr hat es gebraucht, um auf Geheiß des Herzogs den Großen Saal des Schlosses zum spiegelnden Thronsaal umzubauen. Der in Roßlau geborene Architekt Gottfried Bandhauer verwirklicht hier seine Idee, in den Renaissancebau einen klassizistischen Innenraum einzufügen. Zunächst entfernen die Bauleute die flache Holzdecke. An ihre Stelle fügen sie zwei einander durchdringende Tonnengewölbe für die gewünschte Höhe ein. Dekoriert mit sage und schreibe 1.050 Stuck-Kassetten. Was für ein schöner Effekt! Und die vielen kleinen Spiegel darunter erst. Unterbrochen werden die gegliederten Spiegelflächen durch Pilaster, gefertigt aus Stuckmarmor. Die Krönung des festlichen Saals sind drei gewaltige Kronleuchter aus Messing. Pünktlich zum Geburtstag der schönen Julie am 4. Januar 1823 wird der Spiegelsaal im Schloss Köthen mit einem rauschenden Hofball eingeweiht.

Prächtige Kronleuchter

Ich vermute, die herzögliche Jubilarin wird sich über das architektonische Kleinod mächtig gefreut haben. Ich jedenfalls bin beeindruckt, als ich durch die breite Flügeltür den Spiegelsaal im Schloss Köthen betrete. Sieben Jahre Restaurierung haben sich ausgezahlt. Seit 2018 erstrahlt der Saal im Ludwigsbau des Schlosses wieder in altem Glanz. Die drei prächtigen Kronleuchter fallen mir als erstes ins Auge. Obwohl es taghell ist dank der beiden Fensterseiten, sind die Lüster angeschaltet. Ihre unzähligen Lichter funkeln in den Spiegeln ringsum und bringen den Raum noch mehr zum Strahlen.

Mit anderen Schloss-Besuchern schlendere ich begeistert über das schön gemusterte Parkett und betrachte mich in vielfacher Reflektion. Und mir kommt Johann Sebastian Bach in den Sinn. Hier also hat der Meister der Barockmusik erstmals die Brandenburgischen Konzerte aufgeführt. Allerdings gab es den Spiegelsaal im Schloss Köthen zu dieser Zeit noch nicht. Ich schätze aber, der spätere Thomaskantor wäre über das fürstliche Ambiente genauso begeistert gewesen wie ich jetzt.

Durch eine Flügeltür geht es in den Spiegelsaal im Schloss Köthen
Einer der Kronleuchter im Spiegelsaal im Schloss Köthen

Ohrenschmaus in der Musicalien-Kammer

Nach so viel Spiegelei zieht es mich in die anderen Schlossetagen. Zum Beispiel in die Bach-Gedenkstätte, ebenso im Ludwigsbau gelegen. Hier bekomme ich einen Einblick, wie fürstlich man zu Zeiten von Johann Sebastian Bach im Schloss gelebt haben muss. Sehr eindrucksvoll finde ich das Rote Zimmer. Etliche Porträts schmücken die Wände. Ein Hingucker ist die Stuckdecke. Noch besser gefällt mir aber das Grüne Zimmer mit dem wuchtigen Spiegel und der dekorativen Tapete.

In der Neuen Musicalien-Kammer, deren beide Zimmer sich in der Nachbarschaft des Spiegelsaals befinden, bewundere ich die historischen Tasteninstrumente. Eine Museumsangestellte erzählt mir, dass die kostbare Ausstellung Bezug nimmt auf die einstige Hochfürstliche Musicalien-Kammer. Die existierte schon unter Fürst Leopold von Anhalt-Köthen im Schloss. Inventarverzeichnisse jener Zeit geben Auskunft, dass sich rund 50 kostbare Instrumente im Besitz des Fürstenhauses befanden. Nicht genug, dass es in den Räumen Interessantes fürs Auge gibt. Auch meine Ohren kommen unerwartet auf ihre Kosten. Eine Musikerin spielt auf einem der historischen Tasteninstrumente Bachsche Kompositionen. Eine geraume Zeit lausche ich den Klängen. An diesem Ort, der von 1717 bis 1723 der Arbeitsplatz des berühmten Hofkonzertmeisters war.

Nicht nur der Spiegelsaal im Schloss Köthen ist sehenswert, sondern auch die Salons

Ein dufter Automat

Jetzt zieht es mich zurück ins Erdgeschoss. Hier lädt ein kleines Museum zu einem kurzen Rundgang ein. Als erstes fällt mir eine sonderbare filigrane Konstruktion ins Auge. Was ist denn das? Ich rätsle. Die geheimnisvolle Maschine entpuppt sich als Parfümautomat. Und der bringt auch andere Besucher zum Schmunzeln.

Historische Dokumente schaue ich mir an, die in den Vitrinen zu sehen sind. Und auch die Möbel im Raum. Vor allem das Prachtstück von einem Schrank. Den könnte ich mir ganz gut in meinem Zuhause vorstellen. Die Truhen allerdings weniger. Klar sind sie ein Hingucker, schon wegen dieser riesigen Vorhängeschlösser. Aber die Dinger sind viel zu wuchtig. Ich rätsle, ob die Herrschaften da drin wohl ihre Schätze untergebracht haben? Auf Reisen wird man die Holzkisten ja wohl nicht mitgenommen haben. Oder doch?

Ein kostbarer Schrak in dr Ausstellung Schloss Köthen

Über Starkregen lachen

Natürlich tauche ich auch ein in die Erlebniswelt der Deutschen Sprache. Anknüpfend an die Traditionen der Fruchtbringende Gesellschaft widmet sich die kleine Schau der Geschichte der deutschen Sprache. Was jetzt ziemlich langweilig klingt, ist aber nicht so. Eine Schulklasse, die sich grad vor einer Wand drängt, amüsiert sich prächtig. Was mich neugierig macht. Ich warte, bis ich freie Bahn habe und sehe den Grund des Gelächters. Auf der Wand sind kleine Fenster mit bunten Läden befestigt. Unter putzigen Grafiken stehen die übersetzten Redewendungen aus anderen Ländern zum Thema Starkregen. Jetzt muss auch ich lachen.

Ausstellung im Schloss Köthen zum Thema Sprache

Sitz verschiedener Adelsgeschlechter

Eine andere Sehenswürdigkeit würde ich mir jetzt gern noch anschauen. Es ist die vogelkundliche Sammlung des Ornithologe Johann Friedrich Naumann. In 113 historischen Vitrinen sind rund 1.300 Präparate versammelt. Die soll der Begründer der modernen Vogelkunde selbst präpariert haben. Jahrelang konnte man die Schau im Ferdinandsbau im Schloss Köthen bestaunen. Doch die Naumann-Sammlung musste umziehen, weil der Komplex gerade saniert wird.

So laufe ich noch ein wenig durch die Anlage von Schloss Köthen. Erbaut wurde es übrigens im 13. Jahrhundert und mit den Jahren immer mal wieder verändert, erweitert und saniert. Doch trotz barocker Umbauten erkennt der geschulte Blick noch die Renaissance-Bausubstanz.

Bis Mitte des 18. Jahrhunderts diente das Stadtschloss verschiedenen Adelsgeschlechtern als Residenz. Und auch die schon erwähnte Fruchtbringende Gesellschaft, der 1617 in Weimar gegründete erste deutsche Sprachverein, fand hier ab 1629 seine Heimat. Nach Aussterben der Köthener Fürstenlinie 1847 erbte der Herzog von Anhalt-Dessau das Stadtschloss. 1918 gelangte es in den Besitz der Stadt Köthen. Seit 1997 ist die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt Schloss-Eigentümer.

Wappen über dem Portal von Schloss Köthen

Turmpaar mit Brücke

Nach einem Blick in die Schlosskapelle mit der umlaufenden Empore verabschiede ich mich vom Fürstenhaus. Der Weg zum Bahnhof führt mich durch die kleine Stadt. Die übrigens trägt wegen der landwirtschaftlichen Nähe den Beinamen Kuh-Köthen. Was die Einwohner überhaupt nicht abwertend finden. Im Rahmen einer Kunstaktion wurden vor Jahren bunte Kuh-Plastiken angefertigt und in der Stadt aufgestellt. Für Touristen schöne Fotomotive. Klar, dass auch ich einige Kunstobjekte fotografiere.

Vorbei komme ich auch an der Stadtkirche St. Jakob. Ihr 75 Meter hohes Turmpaar mit verbindender Brücke an der Westseite gilt als Wahrzeichen der Stadt. Mich erinnert der Anblick an die Marktkirche in meiner Heimatstadt Halle. Die beiden Hausmannstürme sind ebenfalls durch eine Brücke verbunden. Wer Zeit hat, sollte durch das schöne Doppelportal ins Köthener Gotteshaus gehen. Zu sehen gibt es im einzigen noch erhalten gebliebenen Mittelalter-Bauwerk der Stadt beispielsweise die Fürstengruft. Sie beherbergt die fast vollständige Grablege des Fürstenhauses Anhalt-Köthen mit 40 Prachtsärgen. Auch die Orgel verdient einen aufmerksamen Blick. Sie wurde von Friedrich Ladegast gebaut.

Gegenüber von St. Jakob steht das Rathaus. Der Turm ist zwar nur 40 Meter hoch, aber von hier oben soll man einen schönen Blick über die Stadt haben. Was ich leider nicht bestätigen kann. Ich bin zu spät dran. Das Gebäude ist schon verschlossen. So kann ich mir auch nicht den historischen Ratssaal mit den bleiverglasten Fenstern und den holzvertäfelten Wänden anschauen. Aber enttäuscht bin ich keinesfalls. Denn schließlich habe ich den herrlichen Spiegelsaal im Schloss Köthen gesehen.

Sitzplatz unterm Schirm in Köthen

Schlösser in Mitteldeutschland

Nicht nur der Spiegelsaal in Köthen (Sachsen-Anhalt) ist eine Reise nach Mitteldeutschland wert. Für einen Kurztrip empfehle ich den Besuch des Witwenschlosses in Delitzsch (Sachsen). Ebenfalls in Sachsen, nämlich in Torgau, kann man sich das Schloss Hartenfels mit seinem einzigartigen Großen Wendelstein anschauen. Ein schönes Ausflugsziel nicht nur für Fans des Kult-Films „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ist das Schloss Moritzburg bei Dresden. Als gute Adresse für eine Zeitreise kann ich das Barockschloss Friedenstein in Gotha (Thüringen) empfehlen. Hier dürfte nicht nur das Ekhof-Theater für Staunen sorgen. Einmal in Thüringen, könnten Ausflügler auch gleich die Heidecksburg erobern. Für die dortige Miniaturausstellung von barocken Schlössern sollte man sich unbedingt Zeit nehmen.

2 Kommentare

  1. Gudrun Knabe

    Liebe Elke, ich bin dir wieder mit großem Interesse gefolgt. Sehr schöne Bilder und ein toller Bericht!

    • Elke Richter

      Vielen Dank, liebe Gudrun. Freue mich über dein Feedback.

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